AA


 

Die Affinität war eigentlich schon immer vorhanden, doch die Sache hielt sich viele Jahre im normalen Rahmen. Dann, fast unmerklich, erklomm ich langsam die Stufen und habe nun definitiv das kritische Stadium erreicht: Keine Hobbys, keine Freunde, keinen Job, somit auch kein Geld, und keinen Kontakt mehr zu meiner Familie. Nur das Verlangen. Die Sucht.

Jetzt sitze ich im Bus, auf dem Weg zum ersten AA-Treffen meines Lebens. Sollte das nichts bringen, weiß ich auch nicht mehr weiter. Auch wenn ich mir ein Leben OHNE nicht vorstellen kann, ich bin festen Willens, es zu probieren. Dabei fing alles so harmlos an. Ich las eben schon immer gerne. Liebte Geschichten, Phantasien und interessierte mich für die Gedanken anderer Menschen. Die unzähligen Welten, die dort aus den zusammengefügten Buchstaben entstanden, in die man so oft reisen konnte, wie man wollte.
Und diese Reisen unternahm ich immer öfter und schließlich verlor ich mich in diesen Welten. Häufig unterstütze ich diese Trips auch noch mit Joints und Alkohol.
Anfangs fiel es niemanden auf. Man hielt mich eben für eine „Leseratte“. Ließ sich gute Bücher empfehlen und schenkte mir zu den gegebenen Anlässen auch jedes Mal ein Neues. Oder einen Gutschein von einer Buchhandlung. Weil ich ja schon so vieles kannte und es immer wieder vorkam, dass ich just diesen Roman schon längst gelesen hatte.
Auch, als ich immer häufiger Verabredungen absagte, dachte sich kaum einer wirklich etwas dabei. Obwohl schon zu diesen Zeitpunkt einige Freundschaften einfach langsam einschliefen. Und nach und nach folgten dann die anderen.

In dieser Zeit sah mein Alltag folgendermaßen aus: Ich las auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn, in der Mittagspause im Büro, auf dem Weg nach Hause und dort den gesamten restlichen Abend, bis ich weit nach Mitternacht einschlief.
Da es finanziell schon manchmal etwas knapp wurde, ich wurde bei jedem Buchhandlungsbesuch eine gute Stange Geld los, besorgte ich mir einen Bibliotheksausweis und schleppte mit dem Rucksack ganze Stapel von Büchern in meine Wohnung.
Ich begann die ersten Romane mehrmals zu lesen, falls ich es nicht rechtzeitig schaffte, mir neue an Land zu ziehen.
Es wurde auch immer schwieriger, mich auf die Realität zu konzentrieren. In meinen Gedanken gab es nur die Welt des jeweiligen Buches. Ich hatte Sehnsucht nach den Figuren, den Schauplätzen und mein ganzes Denken hatte sich auf die Handlung eingestellt. Meine Wohnung quoll über mit Romanen. Sie lagen überall und ich wollte sie auch immer um mich haben. Sie in die Hand nehmen, in ihnen blättern und lesen können, wann immer mir danach war. Und mir war immer danach.
Also schwänzte ich häufiger die Arbeit oder wurde, wenn ich mal dort war, ziemlich oft beim heimlichen Lesen erwischt.
Mein Chef schaute sich das eine ganze Weile an, führte eindringliche Gespräche unter vier Augen mit mir, in denen er mich mehrmals verwarnte. Ich gelobte Besserung, aber besserte mich kein bisschen.
Es kam, wie es kommen musste und er feuerte mich.
So richtig mitgenommen hatte mich dieses Ereignis aber eigentlich nicht: Nun hatte ich endlich ZEIT UND RUHE ZUM LESEN! Konnte rund um die Uhr bei meinen Büchern sein.
Meine Eltern bekamen von der Kündigung zuerst gar nichts mit, aber sie bemerkten natürlich trotzdem die Veränderung, die mit mir vorging. Auch mit ihnen führte ich viele Gespräche, und versprach unter ihren sorgenvollen Blicken, dass ich schon am nächsten Tag einmal kein Buch zur Hand nehmen würde. Doch gehalten hatte ich diese Versprechen nie.
Als sie eines Tages in meinem ehemaligen Büro anriefen und dort von meiner Entlassung erfuhren, kam es zum großen Streit.
Ich weiß nicht mehr, wer von uns am lautesten, wütendsten und hilflosesten geklungen hat, aber auf jeden Fall dauerte diese Diskussion einige Stunden und seit dem haben wir nie wieder etwas von einander gehört.
Das ist nun zwei Jahre her. Ich vermisse sie sehr, aber traue mich im Augenblick noch nicht, den Kontakt wieder aufzunehmen.

Der Bus hält, ich steige aus und laufe die Strasse hinunter, mit dem kleinen Zeitungsausschnitt in der Hand. Es sieht aus, wie ein gewöhnliches Mietshaus. Altbau. Bin ich überhaupt bei der richtigen Adresse? Doch, dort, auf dem Klingelschild stehen die beiden Worte: Anonyme Alphabetiker
Nervös rauche ich eine letzte Zigarette, atme nach dem letzten Zug noch mal tief durch und drücke den Klingelknopf. Der Summer ertönt und ich trete in den Hausflur.

Schon wenige Minuten später sitze ich mit zehn anderen Menschen in einem Raum. Nicht auf Stühlen im Kreis, wie ich vermutet hatte, sondern in einer gemütlichen Sitzecke um einen kleinen runden Tisch.
Mein Blick tastet automatisch das Zimmer ab. Kein Buch.

"Hallo, mein Name ist Mardou und ich bin eine Alphabetikerin."

© Mardou - 16/11/2000