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Der Flur |
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Er öffnete die Eisentür und blinzelte in das grelle Licht
einer Neonröhre. Alle paar Meter hing eine davon genau in der Mitte der Decke,
den ganzen Flur entlang. Die Wände und die Türen waren schwarz gestrichen und
an einigen der schweren Holztüren war ein weißer Zettel mit Tesa-Streifen an
den Ecken befestigt. Ein paar der Röhren flackerten leicht und am Ende des
Ganges gab es gar kein Licht mehr. Nur gähnende Schwärze. Mit dem Fuß kickte er eine leere Bierdose über den schmierigen, grünen Teppich gegen die Wand und das Scheppern verlor sich im Lärm der Musik, die aus einem der hinteren Räume schallte. Ein neongrüner Teppich. Diese Szeneschuppen gingen ihm langsam auf die Nerven. Er klopfte dreimal und wartete. Nichts. Die Tür schien fast zu vibrieren durch die Lautstärke der Musik, des lauten Gelächters und dem dichten Gewirr aus schrillen und dröhnenden Stimmen. Verdammte Scheiße! Er donnerte mit der Faust gegen das massive Holz. Die letzten Schläge landeten auf dem Zettel, der direkt vor seinem Gesicht hing. SEIN Name stand da in großen schwarzen Buchstaben geschrieben und niemand ließ IHN endlich in SEINE Garderobe! "Hey!!! Seid ihr schwerhörig oder bekloppt?!" Er trat zweimal mit dem Stiefel gegen die Tür. Noch immer nichts. Gereizt lief er einige Schritte auf und ab, drehte sich abrupt auf dem Absatz um und drosch noch mal mit beiden Fäusten gegen die Garderobentür. Sollte das ein schlechter Scherz sein, oder was. Na ja, irgendwann muss ja einer von denen mal rauskommen. Alleine schon, weil sich das nächste Klo im Erdgeschoß, also eine Treppe höher, befand. Das letzte Loch, wie er vor ein paar Minuten festgestellt hatte. Er zog eine zerknitterte Schachtel Zigaretten aus der Hosentasche und zündete sich eine an. Den Rauch stieß er mit einem leisen, angespannten "phhfff" zwischen den zusammengekniffenen Lippen aus. Er hatte keine Uhr um, weil es auf der Bühne dämlich ausgesehen hätte, und nun das Gefühl, schon Ewigkeiten auf diesem beschissenen Flur zu stehen. Läge nicht seine Jacke mit Schlüsseln, Geld und Führerschein noch auf dem Sessel hinter dieser Tür, wäre er längst gegangen. Der Abend war sowieso gelaufen, seine Laune miserabel und diese Aktion hier hatte für ein endgültiges Stimmungstief gesorgt. Da müsste schon sonst was passieren, um ihm heute noch ein Lachen oder ein freundliches Wort zu entlocken. Nein, er musste nun warten, bis sich endlich diese Tür da öffnet, würde sich dann nur seine Jacke schnappen, wortlos, und die da drinnen könnten ihn alle mal. Feierabend für heute. Auf dem direkten Weg nach Hause, das Telefon lahm legen und ins Bett. Morgen würde ihn nichts und niemand aus seiner Bude bekommen. Gegen die Wand gelehnt rutschte er hinunter auf den verdreckten Boden und streckte die Beine aus. Vermissten die ihn gar nicht? Kam nicht mal einer auf die Idee sich zu fragen, warum er noch nicht da war, wo er doch gleich nach dem Auftritt gemeint hatte: "Geht schon mal vor, ich muss nur noch schnell pinkeln. Macht mir schon mal ein Bier auf." Na, das war mit Sicherheit schon schal geworden. Die unwirkliche Atmosphäre des Flurs machte ihn etwas nervös. Dieses flackernde Licht. Die Schwärze, die keine fünf Meter neben ihm begann. Er kniff die Augen zusammen und versuchte etwas darin zu erkennen. Ein Ende, eine Wand. Aber es war nichts zu sehen. Ihm fiel das Hotel aus "Shining" ein. Er dachte an diese kleinen Mädchen auf ihren Dreirädern. Oder waren es Fahrräder? Gab es bei "Nightmare" nicht auch immer so ein Mädchen auf einem roten Dreirad? "Eins, zwei, Freddy kommt vorbei...". Scheiße. Jetzt nicht an so was denken. Sei lieber wütend auf diese ganze idiotische, feiernde Meute da drinnen, die anscheinend keinen Gedanken an dich verschwendet. "..drei, vier, schließ gut ab die Tür..." Welch Ironie. Er zog eine Grimasse und summte die Melodie weiter. Ja, gut abgeschlossen haben sie ja. Warum eigentlich? Um vor dem Ansturm der Fans und der Presse geschützt zu sein? "Hallo, will jemand vielleicht ein Autogramm? Ein Exklusivinterview? Nein? Wirklich niemand?", sagte er laut und guckte sich demonstrativ nach rechts und links um. Sein Blick blieb wieder in der dunklen Ecke neben der Tür hängen. Er hörte dieses dicke rothaarige Mädchen hinter der Tür kreischen. Ihre ewig hysterisch kichernde Stimme würde er überall heraushören. Zu wem gehörte die eigentlich? Ständig hing sie bei ihnen rum und zerrte einem mit ihrem einfältigem Gelabere aus voller Kraft an sämtlichen Geduldsfäden. Es folgte ein lautes Grölen und Lachen und „The Jack“ von AC/DC setzte ein. Seine bisherige Wartezeit schätzte er auf etwa eine halbe Stunde, die Anzahl der Leute, die sich dort ohne ihn vergnügten, auf etwa zwanzig. Klar, dann gab es da wohl doch ein Klo. Musste ja so sein. Vorhin hatte er sich nicht weiter umsehen können, da er wieder mal zu spät gekommen war. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, das hatte seine Klassenlehrerin immer zu ihm gesagt, während sie den Eintrag ins Klassenbuch schrieb. In diesem Falle traf es ja wohl auch zu: Wäre er pünktlich gewesen, hätte er die Toilette dort entdeckt, und nicht nur von der im Erdgeschoss gewusst, und würde jetzt gemeinsam mit den anderen dort hinter dieser Tür heftig feiern. Oder eben seine Sachen packen und gehen. Nun blieb ihm nichts anderes, als zu warten und sich von Leben bestrafen lassen. Gelangweilt schnippte er mit den Fingern ein paar Zigarettenkippen weg, die um ihn herum auf dem Boden lagen. Plötzlich kam ihm eine Idee: Hey, wir leben doch im Handyzeitalter. Er würde einfach nach oben gehen, raus auf die Straße, zu einer Telefonzelle und einen von denen da drinnen anrufen. Genau! Das erste Lächeln seit Ewigkeiten bildete sich auf seinen Lippen, wurde aber vom nächsten Gedanken wieder gedämpft: Kleingeld und Telefonkarte befanden sich ja ebenfalls in der Jacke. Egal. Er würde eben jemanden auf der Straße danach anquatschen. "Haste mal ne Mark?" Ein leichtes Grinsen huschte über sein Gesicht. Wo ein Wille ist, ist ja bekanntlich auch ein Weg und er konnte es kaum erwarten, endlich frische Nachtluft einzuatmen und ein paar Autos an sich vorbeirauschen zu sehen. Gerade, als er aufstehen wollte, nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung im dunklen Ende des Flures wahr. Sein Magen krampfte sich für einen kurzen Moment zusammen. Ruhig bleiben, sagte er sich, du bist einfach nur überreizt. "Hallo?", rief er laut. Eine schlanke, große Frau schritt langsam aus der Finsternis. Sie trug eine enge, blaue Jeans und ein graues Hemd. Ihre langen, glänzend schwarzen Haare hatte sie nach hinten zusammengebunden und er sah einige Haarspitzen um ihre Taille tanzen. "Nanu... was machst du denn hier so alleine?", fragte sie lächelnd. "Ich warte auf Einlass." Er zeigte auf die Tür. "Du bist der Sänger, nicht?" "Ja. In voller Lebensgröße!" Grinsend stand er nun endlich auf. "Und da drinnen steigt meine Fete und keiner lässt mich rein. Machst du auch Musik?" "Nein, ich konsumiere sie lieber. So, man lässt dich also nicht rein..." Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und schaute ihn dabei freundlich an. Ihre Augen, hellblau wie klares Wasser, gaben ihr ein etwas exotisches Aussehen. Auch das Alter war schwer einzuschätzen. Irgendwas Ende Zwanzig. "Dein Auftritt vorhin hat mir sehr gefallen." "Danke." Deiner mir eben auch, hätte er beinahe hinzugefügt. Vielleicht würde er doch nicht gleich nach Hause fahren. Die unerwartete Wendung, besser gesagt, das unerwartete Auftauchen dieser fremden Schönheit hatte seine Laune schlagartig steigen lassen. Von wegen, "... den bestraft das Leben": Die Letzten werden die Ersten sein! "Arbeitest du hier?" Er würde sie fragen, ob sie Lust hätte, noch was mit ihm zu trinken. Sein Bett konnte noch warten. Vielleicht hatte sie ja eine Möglichkeit die Pforte zu seiner Party zu öffnen. Gab ja wohl nicht nur einen Schlüssel für diese Tür. Die anderen würden bestimmt nicht schlecht gucken, wenn er gleich, mit ihr an seiner Seite, den Raum betreten würde. "Könnte man so sagen. Mir gehört der Laden hier." "Nein! Echt? Toller Laden! Wirklich!" "Vielen Dank." "Sag mal... du hast nicht zufällig einen Schlüssel für diese Tür hier dabei? Ich würde dich gerne noch auf einen Drink einladen. Wir haben ein bisschen was mitgebracht und wie du hörst, sind die anderen ja schon mächtig am feiern. Wir können aber auch gerne noch woanders hingehen, aber ich brauch auf jeden Fall erst mal meine Klamotten von da drinnen." "Kein Problem, der Herr." Aus der rechten Hosentasche zog sie einen Schlüssel und wedelte damit kurz vor seiner Nase, ehe sie ihn ins Schloss steckte. "Klasse! Ach, du bist echt die Rettung des Abends! Wer weiß, wie lange ich noch hier rumgesessen hätte, wenn du nicht... gekommen... wärst..." Die letzten Worte stolperten nur langsam und immer leiser werdend aus seinem Mund. Was zum Geier war hier, hinter dieser Tür, in der letzten halben Stunde passiert, in der er davor gesessen hatte? Er stand fassungslos im Türrahmen und starrte in das Innere des Raumes. Sein Blick fiel auf den Sessel, keine drei Meter entfernt, auf dem noch seine Jacke über der Lehne hing. Darauf lag sein bester Kumpel und Drummer und starrte ihn mit leeren Augen an. In seiner linken Hand hielt er eine zerdrückte Bierdose und auf dem Teppich darunter befand sich ein großer Fleck, auf dem es noch leicht schäumte. Daneben stand das dicke rothaarige Mädchen. Na ja, sie stand eigentlich nicht wirklich, nicht aus eigener Kraft da, sondern ein fremder Typ hielt sie wie eine lebensgroße Puppe unter den Armen fest und bewegte sie im Takt der Musik hin und her, als würde sie tanzen. Ihr Kopf wackelte vor und zurück, und aus dem Hals schoss das Blut wie aus einem dieser kleinen Zimmerspringbrunnen. Der Typ lachte laut und winkte ihnen fröhlich mit ihrer rechten, schlaffen Hand zu. Sein Blick irrte wild durch das ganze Zimmer. Keiner seiner Leute schien mehr am Leben zu sein. Nur diese blutverschmierten Verrückten, vielleicht zehn Mann, die anscheinend großen Spaß beim Feiern hatten. Ein Alptraum. Und er mittendrin. "Weißt Du... eigentlich ist das hier heute Abend auch eher meine Party, als deine... aber du gehörst natürlich zu den Ehrengästen.", sagte sie leise und er spürte ihren Atem dicht an seinem Ohr. |
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© Mardou - 26/06/2000 |