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Kellerleichen |
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"Edna, da ist ein Herr, der
unsere Leichen sehen möchte!", ruft es laut von der Haustür her. Die ältere
Frau in der Küche wird erst blass, dann rötet sich ihr Gesicht. Schon steht ihr
Gatte mit einem dürren Mann mittleren Alters im Türrahmen. Sie wischt sich
nervös die Hände an ihrer rot-weiß-karierten Kittelschürze ab. "Meier", grüßt er, schüttelt die ihm hingestreckte Hand und hebt schnuppernd die Nase. "Oh, das riecht aber interessant!" Edna schaltet hastig einige Herdplatten runter und bedeckt die offenen Töpfe. Herr Meier zieht mit einer etwas eingeschnappten Miene einen dicken Ordner aus seiner Aktentasche und sieht das Ehepaar fragend an: "Na, wo sind sie denn nun, ihre Leichen?" Die beiden alten Leute rücken ächzend eine Küchenkommode beiseite, rollen den Teppich darunter zusammen und zum Vorschein kommt eine Falltür. Sie treten einen Schritt zurück und blicken Herrn Meier an, der neben dem Herd steht und wohl in der Zwischenzeit doch heimlich in einen der Töpfe geguckt hat, Edna bemerkt einen verschobenen Topfdeckel. "Na, dann wollen wir mal!" Herr Meier kramt eine Taschenlampe und einen Mundschutz aus seiner Tasche, setzt ihn sich auf und öffnet die Bodentür zwischen den Holzdielen. Ein extremer Geruch erfüllt sofort den ganzen Raum, es riecht süßlich-verwest und nach Erde. Das Ehepaar hält sich Geschirrtücher vor Mund und Nase. Der Lichtstrahl der Taschenlampe wandert langsam über die vermoderten Leiber, die dort gestapelt in der Schwärze ruhen. "Franz! Wer ist diese Frau da unten?" Edna blickt ihren Gatten entrüstet an und zeigt auf einen Leichnam, der noch etwas frischer aussieht und ganz oben liegt. "Lass es dir erklären...", seine Augenlider zucken etwas, er fährt sich mit der Hand über die Glatze, bis er plötzlich in die Knie geht und die Augen zusammenkneift. "Und was ist das da? Da sind gleich zwei, von denen ich nichts weiß! Ich dachte immer, wir haben keine Geheimnisse voreinander!" Ednas Mundwinkel beginnen zu zittern. "Ruhe bitte, Herrschaften", versucht sich Herr Meier in Erinnerung zu rufen, schließlich hat er nicht den ganzen Tag Zeit. Noch fünf weitere Termine stehen für heute in seinem Kalender. "Da hat sich ja einiges bei ihnen angesammelt, wie ich sehe, dann wollen wir mal..." Die Bodenklappe ist geschlossen, der Verwesungsgeruch fast vollständig durch die geöffneten Fenster entschwunden und die drei sitzen am Küchentisch. Edna und Franz erzählen ihre Geschichten zu den Leichen und die Finger von Herrn Meier beginnen langsam zu schmerzen, er spürt kaum mehr den Kugelschreiber in seiner Hand, der seit zwei Stunden wie von selbst über das Papier saust, sein Kopf dröhnt und er wünscht sich seinen Feierabend herbei. Kein Wunder, dass die Selbstmordrate in seiner Branche so hoch war, vielleicht sollte er sich nach einem anderen Job umsehen, lange würde er das nicht mehr ertragen können. Man glaubt gar nicht, wie viele Leichen die Leute so in ihren Kellern haben. |
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© Mardou - 22/03/2001 |