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Du und dein Roman |
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Als ich das Wartezimmer betrat, waren von
vielleicht zwanzig Stühlen nur noch drei frei. Ich setzte mich zwischen zwei
ältere Herren. "Sind sie auch schwanger?" fragte mich mein rechter Sitznachbar. Er war wohl schon über 70 Jahre alt, trug eine altmodische dicke Brille und streng zurückgekämmte dunkle Haare. "Ja, ich denke schon", murmelte ich etwas verlegen. "Ich befinde mich in meiner dritten Schwangerschaft", verkündete er nicht ohne Stolz und fuhr mit der Hand sanft über die Aktentasche, die auf seinem Schoss ruhte. "Oh, herzlichen Glückwunsch! Wie weit sind sie denn?" "Na ja, mittlerweile schon im 14. Monat. Am kürzesten war die erste – nur 8 Monate. Was war ich damals noch jung und energievoll...", er blickte schwermütig lächelnd aus dem Fenster. "Bei mir ist es noch nicht so ganz sicher, ich meine, ich weiß noch nicht so richtig..." "Das weiß man nie, junge Dame, und das muss auch so sein!" Er öffnete die Aktentasche und zog zwei dicke gebundene Bücher heraus: "Hier, das ist mein Erstgeborener. Ich war damals gerade 30 Jahre alt. Das zweite, dieses hier, kam dann drei Jahre später." "Herr Sollinger?" Eine der Arzthelferinnen betrat das Wartezimmer und blickte fragend in die Runde der Patienten. "Ja, hier!" Mein Sitznachbar erhob sich, packte seine beiden Bücher wieder ein, gab mir höflich die Hand und meinte: "Viel Glück! Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder. Ich bin ja so gespannt, was der Herr Doktor zu meinen Fortschritten sagt! Wegen der vielen Jahre, die seit meinem letzten Buch vergangen sind, gelte ich als so eine Art Risikoschwangerschaft. Er wird staunen, wie viel ich seit dem letzten Termin geschafft habe!" Interessiert durchstöberte ich die große Auswahl an Zeitschriften auf dem Beistelltisch. Da gab es zum Beispiel: "Am Anfang war das Wort", "Ein Roman ist unterwegs – Wie sage ich es der Familie", "Das Leben mit meinem Buch", "Mein Manuskript und ich". Ich blätterte ein wenig in "Du und Dein Roman", las einen recht langen Artikel über Risiken und Begleiterscheinungen während des Schreibprozesses und der Zeit danach, einen Leserbrief über das Unverständnis des alltäglichen Umfeldes, einen weiteren über die angebliche Diskriminierung der Frau in der Literatur, studierte eine farbenfrohe Werbeanzeige für ein neues Textprogramm, welches speziell für literarische Schwangerschaften bestimmt sei, und zwischendurch beobachtete ich unauffällig die anderen Patienten. Der Großteil war männlich, aber ansonsten könnte man sagen, dass so ziemlich alle sozialen Schichten und Altersgruppen hier versammelt saßen. Manche starrten gedankenversunken vor sich hin, einige kritzelten hektisch etwas in ihr Notizbuch, wieder andere lasen oder unterhielten sich angeregt miteinander. Endlich, eine Stunde später, wurde ich aufgerufen. Der Raum, in dem ich nun weitere Wartezeit verbrachte, glich einer Schlossbibliothek, wie man sie aus alten Filmen kennt. An den Wänden riesige Bücherregale, bis an die Decke gefüllt, und vor einem großen Fenster am anderen Ende des Zimmers stand ein massiver dunkler Holzschreibtisch, auf dem sich mindestens zwei Dutzend Bücher und einige Manuskripte tummelten. Ich nahm auf einem bequemen Sessel davor Platz, hielt meinen Rucksack mit beiden Händen auf dem Schoss umklammert und schaute mich um. Da ging auch schon die Tür auf: Herr Dr. Kamus, ein kleiner, etwas pummeliger Mann, Mitte 50, kam fröhlich, aber etwas zerstreut strahlend herein, begrüßte mich und ließ sich hinter seinem Tisch in einen breiten Ledersessel mit ungewöhnlich hoher Rückenlehne fallen. "Na, dann wollen wir mal sehen", begann er, schlug meine Karteikarte auf und blätterte darin. "Hhm... ah ja... so...", gab er dabei von sich. Gerade als er sie wieder zuklappte, mich anblickte und etwas sagen wollte, klingelte das Telefon. Ein antikes Model im Samtmantel. Ich fragte mich, wann ich das letzte Mal eine Wählscheibe zu Gesicht bekommen hatte. Er lächelte entschuldigend und nahm den Hörer ab: "Nein... Sie müssen an sich glauben! ... Ach, lassen sie sich davon nicht beirren... Es gibt immer einen Weg!... Na, das ist doch ein Fortschritt! Halten sie sich an das, worüber wir beim letzen Mal gesprochen haben... Ja... Genau.... Bis in zwei Wochen, mein Bester! Machen sie es gut!" Er legte den Hörer auf und wandte sich nun wieder mir zu: "So, ihr erster Termin, wie ich sehe. Na, erst mal herzlichen Glückwunsch, dass sie sich für diese Schwangerschaft entschieden haben! Bisher sieht ja alles ganz positiv aus. Heute kann ich noch nicht sehr viel für sie tun, außer ein paar guten Ratschlägen für den bestmöglichen Verlauf des Entstehungsprozesses. Ich hätte auch einige sehr interessante Broschüren und Ratgeber, die sie mit nach Hause nehmen können. Falls sie sich für Fachliteratur interessieren, könnte ich ihnen da natürlich auch einiges empfehlen." Dieses erste Gespräch dauerte etwa zwanzig Minuten. Dr. Kamus war ganz offenbar Freund vieler Worte, während er mir jedoch, in Bezug aufs Schreiben, riet, darauf zu verzichten. Danach ließ ich mir an der Annahme den nächsten Termin geben, verstaute den Batzen Informationsmaterial im Rucksack und verließ gutgelaunt die Praxis. Am nächsten Buchladen konnte ich dann nicht anders und musste mir erst einmal gleich fünf neue Taschenbücher kaufen. Der klassische Heißhunger eben... |
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© Mardou -
19/09/2000 |