Stairway To Seven


 

Der Morgen beginnt wie jeder Morgen. Ein harter Kampf mit mir selbst, um überhaupt das Bett zu verlassen. Nein, bleib noch ein wenig, flüstern die warmen Daunen im Kopfkissen. Doch ein Blick auf den Wecker reicht, um endgültig die wohlige Traumwelt zu verlassen und mich aufzusetzen.
Der Körper fühlt sich schwer an, als würde Blei statt Blut durch die Adern fließen. Es ist schon viel zu spät. Ich ziehe ein Blitzprogramm durch und verzichte auf jegliche Zeitkontrolle. Das würde mich nur nervös machen. Schneller als schnell geht nicht.

Im Treppenhaus ist es dämmerig, die Sonne geht auf der anderen Seite des Hauses auf. Ich schalte den Walkman ein und laufe hinunter. Ein Blick auf die Uhr. Jetzt kann ich ja gucken, damit ich weiß, an welcher der beiden Haltestellen ich den nächsten Bus erwische. 7:07 Uhr. Toll. Sie muss stehen geblieben sein oder nachgehen, denn genau um diese Zeit bin ich aufgewacht.
Was für ein Montagmorgen...
Ich sehe aus dem Fenster, um zu schauen, in welchem Stockwerk ich mich gerade befinde. Irgendwo in der Mitte des Hauses. Dabei habe ich das Gefühl, schon längst unten zu sein.
Beim nächsten Fenster schaue ich wieder hinaus. Der Abstand zum Asphalt scheint sich kaum geändert zu haben.
In der nächsten Etage der selbe Ausblick.
Ein leichtes Kribbeln geht mir durch den Körper. Nein, das kann nicht sein. Das ist die Müdigkeit. Noch vor ein paar Minuten hast du noch im Bett gelegen und geschlafen, dann das abrupte Aufwachen... vielleicht der Kreislauf.
Ich laufe schneller.
Das nächste Fenster.
Wieder keine feststellbare Veränderung. Das kann nicht sein!
Ich renne die Stufen hinunter. So schnell es mir möglich ist, ohne über die eigenen Füße zu stolpern. Weiter, weiter, es geht abwärts, hinunter, den Abstand zum Boden verringern, und somit MUSS sich auch der Ausblick verändern! Das ist ein NaturGESETZ!
Nichts ändert sich.
Fenster um Fenster. Immer das selbe Bild. Ich ändere die Taktik. Mit atemlosen Schnaufen renne ich die Stufen hinauf. Mein Hals beginnt schmerzhaft zu brennen und der Magen krampft sich zusammen.
In jeder Etage das selbe. Keine sichtbare Veränderung. Immer der gleiche Blick hinaus.
Ob ich nun nach oben oder nach unten laufe.

Ich setze mich auf eine Stufe. Verschwitzt und heulend. Nein. Ich träume noch. Das ist nicht die Realität.
DAS IST NICHT LOGISCH!
Mir wird die Musik in meinen Ohren bewusst und ich schalte den Walkman aus. Ruhig durchatmen. Dafür muss es eine logische Erklärung geben!
Ich zünde mir eine Zigarette an und sehe mich hektisch um.
Raus.
Ich muss hier raus. Zur nächsten Tür. Ich muss in einen Hausflur.
Mit wackeligen Beinen und steinharten Waden steige ich die Treppen wieder hinab.

Die Klinke ist kalt und fühlt sich gut an. In welcher Etage bin ich eigentlich? In der 7.
An den Türen fremde Namen. Ich kenn hier niemanden. Ich laufe durch den Flur und weiß nicht, was ich nun tun soll.
Mit mulmigem Gefühl drücke ich den Fahrstuhlknopf. Die kleine Lampe darüber leuchtet nicht auf. Es rührt sich auch sonst nichts.
Mit dem Kopf an der Fahrstuhltür verharre ich eine Weile und lausche.
Stille.
Scheiße!
Ich stampfe laut jaulend mit dem Fuß auf.
Was passiert hier?
Von einer brennenden Panik ergriffen, renne ich zu den Wohnungstüren und drücke nacheinander die Klingelknöpfe. Nichts. Kein Ton ist zu hören. Noch nicht mal das Klingeln selbst erzeugt einen Laut.

Ich stehe im Flur und schreie. Kein Satz. Kein Wort. Ein Schreien.

Wieder im Treppenhaus. Ich starre aus dem Fenster. Keine Menschen dort draußen. Keine Vögel, die durch den Himmel segeln. Keine fahrenden Autos.
Nur die Bäume wiegen sich langsam hin und her. Ein paar Blätter tänzeln über die Pflastersteine.
Das Haus wirft einen riesigen Schatten. Die Sonne steht auf der anderen Seite. Ich kann sie nicht sehen.

Noch fünf Zigaretten in der Schachtel. Ich starre sie an.
Meine Hände zittern, mein Atem ist hektisch, meine Angst enorm.
Ich sitze auf dem Betonboden, eine Zigarette zwischen den nervösen Fingern. Panik kriecht schmerzhaft in jede Faser meiner Körpers. Was tun?
Abrupt springe ich auf und versuche die Fensterscheibe einzutreten.
Ein heftiger Schmerz fährt mir durchs Bein, als das Glas zersplittert. Die Wade hängt an einem großen Splitter im Fensterrahmen fest. Vorsichtig hebe ich das Bein wieder herein und senke es herunter. Blut wandert über den Jeansstoff und kleckert auf den Betonboden, doch ich spüre fast nichts, und stecke sofort den Kopf durch das große Loch in der Scheibe.
Ein leichter Wind streicht mir über das Gesicht und die Luft riecht nach nichts. Noch nicht mal nach Herbst.
Ich schreie hinaus. Rufe nach Hilfe. Fluche laut und heiser.

Ruhig bleiben. Unmöglich. Ein Wirklichkeit gewordener Horrorfilm.
Vielleicht bin ich auch in einer Art Zeitloch. Meine Uhr ist stehen geblieben. Kein Leben. Keine Menschen.

Noch vier Zigaretten befinden sich in der Schachtel.
Nichts zu trinken. Nichts zu essen.

Mein Herz rast. Todesangst frisst sich in meinem Gehirn fest und die Gedanken tanzen um diese Angst einen wilden Hexentanz.
Sterben.
Mein ganzer Körper ist in Bewegung. Die Zehen trommeln in den Schuhspitzen, die Finger krampfen sich ineinander, die Beine zittern und die Augen suchen verzweifelt nach Lösungswegen.
Raus.
Ich muss hier irgendwie raus.

In jedem Stockwerk steht die Zahl Sieben. Dieselben Namen an den Klingelschildern. Die gleiche Schmiererei an der Wand über der Heizung.

Ich versuche abzuschätzen, wie viel Zeit vergangen ist. Vielleicht eine Stunde. Zwei. Vielleicht aber auch SIEBEN... Ein hysterisches Lachen steigt empor, doch heraus kommt nur ein leises Krächzen.

In jeder Etage im Treppenhaus das eingeschlagene Fenster mit meinem geronnenen Blut an dem zersplitterten Glas.

Ich reiße den unteren Beinteil der Jeans ab. Durch das Loch über der Wunde lässt sich der Stoff leicht entfernen.
Es blutet noch immer. Überall auf den Stufen sehe ich kleine Bluttropfen. Eine lange breite und tiefe Schramme ziert meine Wade, die sich immer wieder mit frischem, glänzendem Rot füllt. Wie eine kleine Quelle.
Damit ich nicht noch mehr Blut verliere, binde ich den abgerissenen Jeansstoff über die Wunde.

Nur noch drei Zigaretten. Vor wie vielen Stunden habe ich die letzte geraucht?
Ich muss hier raus. Nach Draußen. Unter Menschen. Raus.
Mit hastigen Zügen inhaliere ich das Nikotin und laufe humpelnd neben dem Scherbenhaufen auf und ab.
Würde ich mich nicht in dieser Höhe befinden, in der siebenten Etage, könnte ich aus dem Fenster springen.
Ich komm hier nicht weg.
Ich muss hier raus.
Mein Magen knurrt. Mein Mund ist trocken. Mein Kopf schmerzt. Mein Bein scheint zu glühen.
Es hätte schon längst Dunkel werden müssen. Aber die Sonne steht noch immer hinter dem Haus.
Ich bin die Strecke immer wieder und wieder abgewandert. Den Flur auf und ab gehumpelt.
Mir kommt es vor, als wären Tage vergangen.
Diese Situation überfordert meinen Verstand. Ich ertappe mich in manchen Momenten dabei, dem beginnenden Wahnsinn freien Lauf zu lassen, ergebe mich gelegentlich den irren Gedanken und der Hysterie.

Übelkeit und Schmerz. Hunger und Durst.
Ich zünde mir die letzte Zigarette an. Und rauche langsam. Als die Glut die Mitte erreicht hat, mache ich sie auf dem Boden vorsichtig aus und stecke sie zurück in die Schachtel.
Die Panik ist einer ruhigen Resignation gewichen. Trotzdem traue ich mich nicht, den Walkman anzumachen.
Irgendwann dämmere ich gegen die Wand des Treppenhauses gelehnt ein.

Als ich wieder die Augen öffne, blitzt für einen kurzen Augenblick die Hoffnung auf, dass das alles nur ein sehr realistischer Traum war. Doch mein Blick klebt sofort an den blutigen Splittern des Fensters und dem verbundenen Bein. Der Stoff sieht statt blau dunkellila aus. Darunter pocht der Schmerz in seinem eigenen Rhythmus.


~ * ~

Aus der Stadtzeitung:

Rätselhafter Todessprung

Gestern stürzte sich eine junge Frau aus dem Fenster eines Hochhaustreppenhauses. In der siebten Etage hatte sie mit einem Schlüssel vorher den Satz "Ich will hier raus!" in die Betonwand gekratzt und die Scheibe des Fensters eingetreten, durch das sie sprang. Die Polizei geht von Selbstmord aus. Eine Nachbarin hatte Frau M. noch wenige Minuten vorher, kurz nach 7 Uhr in der Früh, ihre Wohnung in der neunten Etage verlassen sehen und ihr war ein gehetzter Gesichtsausdruck aufgefallen. Der Familie der Toten war keine depressive Lebenseinstellung oder akute Probleme bekannt. Ein Abschiedsbrief wurde nicht gefunden. Die Beerdigung findet in den nächsten Tagen im engsten Familienkreis statt.



© Mardou - 26/11/2000