L.A. eat Tommy


 

Mein Name ist Tommy. Zumindest laut meiner Geburtsurkunde. Ich nenne mich seit Jahren Thomas. Ich bin einmetereinundneunzig groß, zweiundzwanzig Jahre alt, und habe einen der durchtrainiertesten Körper Hollywoods, wirklich, mal ganz ohne falsche Bescheidenheit.
Aufgewachsen bin ich in San Francisco. Meine Eltern leben heute noch dort, aber wir haben nicht mehr viel Kontakt. Den hatten wir nicht einmal, als ich noch bei ihnen wohnte; ich ging nach Schulschluss lieber joggen als nach Hause, und kam meist nur zum Schlafen heim. Vielleicht haben sie bei einem verkifften Sit-in in den Siebzigern die Kinderwagen verwechselt und irgendwo hängt ihr richtiger Sohn gerade jetzt in einer gottverdammten Bibliothek über vielen schlauen Büchern und philosophiert sozialkritisch vor sich hin. Genauso hätten sie mich gerne gesehen. Sie stehen vor diesem gigantischen Dschungel des Lebens, diskutieren, kritisieren und phantasieren, hacken hier und da zwar einen der Abermillionen Bäume ab, aber kommen einfach nicht von der Stelle. Ich bin anders. Ich renne einfach los, suche mir meinen Weg hindurch und kann Kratzer einstecken. Ich will mehr aus meinem Leben machen als sie.
Deswegen bin ich gleich nach meinem High-School-Abschluss nach L.A. gezogen.

Vor einiger Zeit hab ich den Job im Fitnesscenter geschmissen und bin Privat-Trainer geworden. Ich liebe das Gefühl, jeden Muskel meines Köpers unter Kontrolle zu haben, meine Grenzen zu spüren, sie zu überwinden, und ich liebe meinen Job. Meistens jedenfalls.
Schnell war mein Ruf so gut, dass ich jetzt nur noch für die (wirklich) Reichen und (nicht wirklich) Schönen arbeite. Es ist leichtverdientes Geld, mit angenehmen Arbeitszeiten und der ewigen Chance, den Sprung in die große Filmkarriere zu schaffen. Ein paar kleine Nebenrollen hatte ich schon. Auch als Body-Double werde ich gerne gebucht. Ich möchte sogar behaupten, jeder fleißige Kinogänger der Welt hat mich schon mal auf der Leinwand gesehen. Oder zumindest einen Teil von mir.
Eigentlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis mein großer Durchbruch kommt, denn ich weiß, dass ich alle Starqualitäten mitbringe. Mein Körper ist mein Kapital, das ist kein bloßer Spruch, und ich pflege ihn genauso, wie andere Männer ihren schwerverdienten Porsche täglich wachsen und polieren.

Heute habe ich nur einen Termin.
Mrs. A. (Diskretion ist für mich eine Selbstverständlichkeit, deswegen möchte ich hier ihre Identität nicht preisgeben) ist eine sehr bekannte und einflussreiche Schauspielerin. Ich verspreche mir viel von diesem Job, aber sie macht es mir nicht leicht. Manchmal frage ich mich, wie ein so undisziplinierter Mensch wie sie es so weit gebracht haben kann. Aber es gibt viele Wege zum Ruhm und wahrscheinlich hat sie damals alle anderen genutzt.
Der schmale Weg zu ihrem Haus geht direkt von der Bel Air Road ab. Unzählige Male bin ich in den letzten Monaten hier schon rumgekurvt, mit diversen Stars im Laufschritt durch ihre Gärten gesprungen, habe in Küchen, die größer als mein Apartment sind, Diätpläne erstellt und aus Fitnesskellern Folterkammern gemacht, in denen sie unter meinen Augen ihre sündigen Fette verbrannten, damit dem Kinobesucher der schöne Schein gewahrt wird.
Mrs. A. wird in zwei Monaten mit einem neuen Dreh beginnen, muss bis dahin bestenfalls zehn Pfund verlieren und in Topform sein. Ihr Manager meinte am Telefon zu mir, dass ihre Kondition der einer Zwanzigjährigen entsprechen sollte. Mrs. A. ist geht bereits auf die Vierzig zu und ist Alkoholikerin.

"Tommy", flötet sie, als ich ihre Empfangshalle betrete. Ich habe es aufgegeben, ihr begreiflich machen zu wollen, dass mein Name Thomas, und nicht Tommy, ist. Sie haucht mir links und rechts imaginäre Küsschen auf die Wangen und ihre Aura aus penetranten Vanilleparfüm und Wodka treibt mir fast Tränen in die Augen.
Sie trägt bereits ihr pastellfliederfarbenes Fitnessdress von Calvin Klein, aber ein Blick an ihr vorbei verrät mir, dass sie bis eben noch vor dem Fernseher gesessen, Pralinen gegessen und ihren Mittagsdrink zu sich genommen hat. Wahrscheinlich mehr als einen, denn ihre Augen haben einen leicht verwaschenen Ausdruck und ihre Bewegungen sind fahrig.
Mit etwas unkontrollierten Schritten bewegt sie sich zurück ins Fernsehzimmer und deutet mir an, ihr zu folgen. Diese Frau ist mein Alptraum.
"Das stand aber nicht auf unserem Ernährungsplan..." Ich versuche, mein Entsetzen durch ein leicht vorwurfsvolles Lächeln zu ersetzen, während ich auf die zwei leeren Pralinenschachteln, einen überquellenden Aschenbecher und eine fast leere Wodkaflasche starre.
"Och Tommy, seien sie nicht so streng zu mir. Dafür trainieren wir heute bis zum Umfallen." Sie beginnt auf der Couch sitzend ihre Arme kreisen zu lassen, hört nach wenigen Sekunden auf und greift zu ihrem Glas. "Möchten sie auch noch einen Drink, bevor wir loslegen?"
"Ähm, nein danke", sage ich lächelnd und würde ihr am liebsten den Hals umdrehen. Klienten wie sie könnten sich sehr unschön auf meinen hart erarbeiteten Ruf auswirken.
Das Training können wir für heute vergessen.
"Kommen sie schon...", sie stößt mich kichernd und neckisch grinsend an. An ihren Zähnen kleben rote Lippenstiftreste und ihr Atem riecht nach Hafenkneipe.
Doch mir geht auf, dass ich die Gunst der Stunde nutzen sollte. Schließlich könnte sie sehr wertvoll für meine Karriere sein und wer weiß, was für Türen sie mir in dieser Stimmung öffnen würde.
"Also gut. Sie sind ja diejenige, die nachher noch trainieren und schwitzen muss."
"O la la...", sie lacht leise gurrend vor sich hin, während sie zur Vitrine wankt und ein Glas herausnimmt.
Ich werde also meinen freien Tag morgen opfern müssen und dann das Training wiederholen, sofern sie mir nicht wieder mit ihrer Inkonsequenz einen Strich durch die Rechnung macht.
Sie reicht mir kurz zwinkernd das gefüllte Kristallglas und lässt sich wie ein nasser Sack neben mich auf die Couch fallen. Dort aber bemüht sie sich sofort wieder um Eleganz, indem sie mit einer affektierten Geste zu ihren Zigaretten greift und sich eine anzündet. Wie die Menschheit überhaupt mal auf die Idee gekommen ist, freiwillig und ja völlig zweckfrei diesen Dreck zu inhalieren, ist mir bis heute schleierhaft. Ich hasse Nikotin seit ich denken kann und hab niemals auch nur eine Zigarette angefasst.
Während mir der erste Schluck alle Geschmacksnerven betäubt, feile ich innerlich an meiner Taktik. Wenn ich nun gleich vorschlage, das Training heute ausfallen zu lassen, könnte das in die falsche Richtung losgehen, und ein eindeutiges Minus für meine Motivations-Künste bedeuten. Allerdings könnte ich sehr gut mit einigen medizinischen Erklärungen begründen, dass es in ihren Zustand einfach wenig Sinn macht. Das wiederum könnte sie in den falschen Hals bekommen, dabei möchte ich doch ihr Herz gewinnen. Besser gesagt, ihre Beziehungen nutzen, ihr Herz ist mir dabei relativ egal, ich bezweifle ohnehin, dass es noch einwandfrei betriebsfähig ist.

Während mein Glas sich langsam leert, schenkt sie sich zum zweiten Mal nach, und hat bereits fünf Zigaretten geraucht.
Sie lehnt sich seufzend zurück, erzählt weiter von ihrer neuen Rolle und wiederholt ausführlich, warum der Regisseur gerade sie dafür auserkoren hat. Ich heuchle Interesse an ihrer Selbstbeweihräucherung und versuche das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Steht die restliche Besetzung schon oder sind noch Rollen zu vergeben? Benötigt in ihrem Bekanntenkreis derzeit jemand einen Body-Trainer? Das frage ich natürlich nicht direkt, sondern verflechte es vorsichtig in den Unterhaltungsstrang.
"Sie interessieren sich für die Schauspielerei?"
"Das war wohl der Hauptgrund, warum ich damals nach L.A. gekommen bin."
"Wo kommen sie ursprünglich her?", sie nippt an ihrem Glas und ich bemerke ihre Hoffnung darauf, dass diese "gemütliche Stimmung" unseren Trainingsplan für heute gänzlich sabotieren könnte. Gern Chérie, denke ich, und entspanne mich unter ihrem Geplapper "San Francisco! Da habe ich auch mal eine Zeitlang gewohnt, da war ich noch ein so junges hübsches Ding, so dünn und fit, Tommy, da machen sie sich keine Vorstellung von!", und ich sage dann irgendwann, als ich bemerke, dass mein Plan nicht aufgeht: "Wissen sie was, ich trinke jetzt noch aus, und komme dann morgen wieder. Ich denke, wo wir die letzten Wochen so fleißig waren, haben sie sich diesen freien Tag heute redlich verdient, und sie haben ja bestimmt noch einige andere Vorbereitungen für den neuen Film zu treffen. Da kann man schon mal die Disziplin für einen Tag sausen lassen."
"Nicht wahr, das sehe ich ganz genauso!", sie lächelt zufrieden. "Morgen? Ja, aber sicher, kommen sie morgen wieder. Aber leisten sie mir doch jetzt noch eine Weile Gesellschaft. Sonst kenne ich die Männer, die mich zum Schwitzen bringen, immer privat etwas besser", sie findet sich brillant und unwiderstehlich, keine Frage, "ja, wir sollten uns näher kennen lernen..." Sie verwandelt sich, während sie spricht, in ihre Vorstellung eines reichen Vamps, wird zu dem glamourösen Star-Bild, dass die Öffentlichkeit von ihr hat, die nun ihren Fitness-Trainer verführen möchte, nur stößt sie da bei mir auf Granit. Ich habe mich noch auf keiner Besetzungscouch prostituiert, auch wenn das Gang und Gebe ist, da gibt es kaum mehr Unterschiede bei den Geschlechtern. Ob Frau ob Mann, es tauschen viele sofort willig mit jedem Körperflüssigkeiten aus, der die Bettdecke lüftet und mit dem Versprechen auf etwas Ruhm lockt.

Mrs. A. weiß das. Und sie weiß, dass auch ich das Spiel kennen dürfte. Sie rückt näher heran und fährt langsam mit der Hand über meinen Nacken, verweilt am Hinterkopf und übt dort leichten Druck mit ihren langen künstlichen dunkellilafarbenen Fingernägeln aus.
"Lassen wir heute mal die Welt mit ihren ganzen Regeln und der Disziplin außen vor... Du bist so ein wunderschöner Junge, so beherrscht, stark... es würde mich wundern, wenn aus dir nicht mal was wird, aber ich kann mir noch nicht so ganz vorstellen, dass du dich so richtig gehen lassen kannst, dass du ganz in einer, sagen wir mal, leidenschaftlichen Rolle aufgehen könntest...", sie gurrt mir verschwörerisch ins Ohr, während ihre andere Hand auf meinen Oberschenkel wandert.
"Stop!" Ich rutsche vorsichtig aus ihrer Umarmung. "Das ist nicht so ganz mein Stil. Nehmen sie es mir nicht übel, aber ich muss jetzt los. Wir sehen uns morgen."
"Ich glaube nicht, dass sie jetzt wirklich schon gehen wollen, Tommy...", sie dehnt diesen Namen mit einem drohenden Unterton in die Länge, blickt schräg nach oben zu mir und zieht einen angedeuteten Schmollmund. Sie gibt eine alberne Figur ab, und ich ärgere mich, dass mir die Situation so entglitten ist. Verletzter Stolz macht schnell mordlustig und sie könnte meine Karriere im Keim ersticken, wenn ich ihr jetzt ihr Spiel kaputt mache. Ich winde mich innerlich wie ein Aal. Wie komm ich hier nur heil wieder raus?
"Wirklich... es tut mir sehr leid, aber verstehen sie... ich... ich steh nicht auf Frauen. Ich bin Schwul." Ich bin bescheuert. Ich bin so schwul wie Casanova. Aber lieber schlimmstenfalls mit dem Ruf als homo- und irgendwann wenigstens bisexueller Schauspieler verurteilt sein, als dieser alkoholkranken Hexe einen Grund zu geben, meine Laufbahn zu verfluchen und ihre Gift zu verspritzen.
"Ich hätte es wissen müssen!", sie springt murmelnd auf, hält sich den Handrücken vor den Mund, und läuft auf und ab. Ich starre sie an und warte auf die Explosion.
"Ich hätte es wissen müssen!", wiederholt sie jetzt etwas lauter, bleibt stehen und sieht mich an. "So ein gepflegter Typ wie sie... natürlich. Schwul. Shit! Mein Gott. Was müssen sie nur jetzt von mir denken, Tommy!" Sie sieht mich leicht panisch an, als würde ihr gerade wieder bewusst, dass auch sie einen Ruf zu verlieren hat. Schließlich ist sie seit mehreren Monaten offiziell mit einem ebenfalls sehr erfolgreichen Schauspieler verlobt, der für die Vorliebe bekannt ist, mit seinen Frauen gemeinsam Filme zu drehen, nur Hauptrollen natürlich, was auch ihre Zukunft für eine Weile sichern würde. Sie kommt unaufhaltsam in die Jahre, wo ihr vermehrt die Mutterrollen, und seltener die der jungen Heldin angeboten werden.
"Nein, alles in Ordnung, es ist ja gar nichts passiert", sage ich schnell, und hebe beschwichtigend die Hände.
"Wirklich?" Sie sinkt zurück auf die Couch, während ich aufstehe und einen Schritt zurücktrete. Ich lächle, mehr aus der Zufriedenheit heraus, mich doch noch heil aus dem Orkan herausmanövriert zu haben, und sie lächelt, zwar etwas gequält, doch deutlich dankbar zurück.
"Aber sicher doch. Wir sehen uns morgen zur üblichen Zeit. Sind sie dann fit und bereit, ihren Körper zu stählen?", versuche ich die Stimmung weiter zu neutralisieren.
"Ja, natürlich", sie wirkt noch immer peinlich berührt, als säße sie plötzlich nackt vor mir, greift zur Flasche und schüttet sich das Glas halbvoll. Ein paar Tropfen laufen dabei über ihre Finger und kleckern auf den schwarzen Marmortisch.

Es ist schon später Nachmittag, als ich an der Kreuzung vor meiner Strasse abbiege, und kurzentschlossen zum Strand fahre.
Nach einer Stunde Laufen hab ich erst das Gefühl, den Kopf von allen unnötigen Gedanken befreit zu haben, ja, Laufen ist für mich eine Art Selbstbefreiung. Scheiß auf Meditation, renn dich lieber frei, es gibt nichts Besseres als natürlichen Rausch. Genau das hab ich auch meinen Eltern öfter an den Kopf geworfen, bevor ich ausgezogen bin.
Wahrscheinlich sind die noch begeistert, wenn sie nun irgendwann mal von den schwulen Neigungen ihres Sohnes hören sollten. Diese Debatten über sexuelle Befreiung und künstlerische Revolution waren jahrelang eine gewohnte Geräuschkulisse. Gebracht hat es ihnen, meines Erachtens, überhaupt nichts. Taten halten die Welt am Laufen, nicht Worte. Sollen die ruhig ihr kleines merkwürdiges Leben leben, und sich weiter einreden, sie wären glücklich damit.

Man soll es nicht glauben, wohin einen das schlechte Gewissen anderer Leute bringen kann: Vor ein paar Tagen bekam ich einen Anruf von der Produktionsfirma. Genau, es geht um den Film, in dem Mrs. A. mitspielt. Sie hätten eine eher kleine aber wichtige Rolle frei, und ich solle mal zum Vorsprechen vorbeikommen.
Eigentlich hätte ich darauf gefasst sein sollen, aber so trifft es mich volle Breitseite: Ich spreche für die Rolle eines schwulen Aidskranken vor, der im zweiten Drittel des Films sterben wird.
Das Casting-Team starrt auf meinen athletischen Körper und so ein fetter Typ meint: "Für den Anfang großartig, aber der Kerl muss bei den Sterbeszenen abgemagert aussehen. Der kann ja nicht am Scheiß Aids abkratzen und dabei aussehen wie das blühende Leben. Mr. Fitness höchstpersönlich. Die Muskelpakete müssen also in den nächsten Monaten komplett runter, packst du das? Das muss realistisch rüberkommen. Ja, der Kontrast muss ganz deutlich zu sehen sein. Der Vorher-Nachher-Effekt mal andersrum, ha ha. Und du bist auch in Wirklichkeit schwul, Junge? Na, dann passt das ja wie die Faust aufs Auge!"
Er sitzt lachend mit den anderen Filmleuten hinter dem Tisch und zerdrückt die leere Dose Diät-Cola, die er gerade in der Hand hält.

Es macht mich wahnsinnig! Ich habe die Rolle bekommen, musste in den letzten Wochen bereits mehrmals Alex, meinen Filmpartner, vor laufender Kamera küssen, der nun aber wirklich stockschwul ist, anscheinend sogar auf mich steht, und ich darf nicht mehr trainieren, dass ist das Schlimmste. Über Monate rein gar nichts machen. Es ist die Hölle. Ich soll mich "einfach mal hängen lassen" was sämtliche sportliche Aktivitäten angeht, und natürlich Diät halten, doch das ist das geringste Übel, weil ich schon immer auf meine Ernährung geachtet habe.
Die Gage ist ebenfalls nicht besonders, sie hält mich höchstens fünf Monate knapp über Wasser, und deswegen fange ich demnächst wieder an, nebenbei andere Leute zu trainieren. Obwohl mir mein Körper immer peinlicher wird und mein derzeitiges Erscheinungsbild bei dieser Jobsuche alles andere als hilfreich ist; die einstige Straffheit löst sich auf und weicht einer unansehnlichen Ganzkörperschlaffheit, verformt, als hätte jemand die Luft rausgelassen. Ich traue mich kaum mehr in den Spiegel zu sehen.
"Du bist hübsch genug," ruft Alex von der anderen Ecke des Raumes aus, während ich nur schwer meinen Blick von dieser mir beinahe fremden Person im Spiegelbild abwenden kann, ich sehe aus wie ein Golfspieler sechs Wochen nach seinem Begräbnis, geht mir durch den Kopf, und ich lass das T-Shirt endlich langsam über meinen faltigen blassen Bauch rutschen, "kommst du auch wieder mit ins Royal? Heute spielt sogar eine Live-Band. Na los, ich lad dich auch ein." Er greift nach meiner Schulter, schiebt mich in Richtung Tür und schnappt sich meine Jacke. Ich lass ihn machen, er ist schon ein netter Kerl, und irgendwie der einzige, der zumindest versucht, mich aufzumuntern. Schade nur, dass er schwul ist. Denn so verhält sich diese Freundschaft von meiner Seite aus etwas verkrampft.
Letztens war ich nach Ewigkeiten auf einen kurzen Besuch im Fitness-Center. Nur mal so, um ein paar Leute zu treffen, mit denen ich damals sehr gut befreundet war, aber irgendwie in dem ganzen Trubel aus den Augen verloren habe. Die meisten von ihnen starrten mich entsetzt an, während wir krampfhaft Smalltalk hielten, einige sogar ganz unverhohlen, und ich versuchte dieses Gefühl der unerwartet unterkühlten Ablehnung, das sie mir allesamt entgegenbrachten, in meine Rolle einzuarbeiten.

Ich fasse es nicht! Der Film hatte gestern Premiere. Ich war ganze 16 Minuten präsent auf der Leinwand und mein Name stand gut sichtbar im Abspann. In dem Augenblick, als das Premierepublikum in tosenden Applaus ausbrach, standen mir wirklich die Tränen in den Augen, was schon Jahre nicht mehr vorgekommen ist, und mir war auf einmal alles egal; egal, wie mein Körper aussieht, den hab ich schon in ein paar Monaten wieder vollkommen unter Kontrolle, ich muss es nur endlich wieder angehen, genauso die massiven Geldprobleme, die mir in letzter Zeit den Schlaf und die Energie rauben. Ich fühlte, dass ich gute Arbeit geleistet hatte; ich hatte so hart dafür geschuftet, sogar HIV-Positive Patienten in Krankenhäusern besucht und intensive Gespräche mit ihnen geführt, ich habe tagelang verschiedene Selbsthilfe-Gruppen besucht, und etliche medizinische Fachbücher darüber gelesen. Ich hatte diese Rolle wirklich gespürt, nicht einfach nur so gespielt!
Aber nun, wo ich auf den Haufen Zeitungen starre, auf die Berichte von der Prämiere und einige Kritiken, weiß ich nicht, ob ich lieber schreien, kotzen oder heulen möchte. Am liebsten alles auf einmal. Ich fege den ganzen Kram vom Tisch, und ein halbleeres Wasserglas landet dabei klirrend neben alten Pizzapappen und einer zerknüllten Zigarettenschachtel auf dem Boden. Die Flüssigkeit zwischen den Scherben kriecht langsam über das Zeitungspapier.
Wenn sich die Kritiker über etwas einig sind, dann darüber, dass ich ein schlechter Schauspieler bin. Einer vergleicht mich ausgiebig mit einem hölzernen Pinocchio, und meint, dass er den Special-Effects-Leuten ein großes Lob ausspricht, die meine Fäden wegretuschiert haben. Mir sprechen sie allesamt jegliches Talent und Einfühlungsvermögen für die Rolle ab. Während zum Beispiel Mrs. A. von den meisten in den Himmel gelobt wird.
Ich bin wie vor den Kopf geschlagen, laufe ins Bad und sehe mir mein leeres verhärmtes Gesicht und die armselig hängenden Schultern minutenlang ganz genau an.
"Was hast du nur falschgemacht, Kumpel?" frage ich mich laut.



© Mardou - 2002