Unter uns


 

Es scheint seit Jahren zu schneien, und die Flocken fliegen in einer gleichmäßigen Dichte durch die Luft, als läge ein gigantischer Insektenschwarm über der Stadt; sie verzaubern die dreckigen Straßen und Plätze in ein weißes Wunderland. So kommt es mir zumindest vor, wenn ich aus dem Fenster schaue, manchmal stundenlang, und gedanklich selbst durch dieses verzauberte New York fliege.
In meiner Wohnung wimmelt es von Leuten, die hier schlafen und reden, essen und trinken, Musik hören, und sonst was tun, aber in Augenblicken wie diesem könnten sie auch leblose Möbel oder Schatten der Vergangenheit sein, ich nehme sie gar nicht wahr. Eigentlich ist das seltsam, denn ich habe festgestellt, dass Benzedrin meine Sinne ansonsten, besonders das Gehör, enorm verschärft hat. Ich kann hören wie ein Luchs.
Letztens fegte ich gerade mein Zimmer aus, war beim Saubermachen, und bekam mit, wie Bill sich mit Allen über irgendetwas unterhielt, ich weiß jetzt nicht mehr was es war, aber kann mich noch sehr gut erinnern, dass ich etwas dazu sagen wollte, und ich ging in den Flur, weil ich annahm, sie ständen direkt vor der Tür, doch musste feststellen, dass sie in der Küche saßen, die sich am anderen Ende dieser riesigen Altbauwohnung befindet. Ich lief hinunter, stürzte durch die Küchentür und starrte sie an, sie sahen nur kurz zu mir herüber und wandten sich wieder einander zu, während ich so tat, als wollte ich mir nur etwas zu Trinken aus dem kaputten Kühlschrank holen.
Zuerst behielt ich diese Entdeckung für mich, vielleicht hatte ich mich ja einfach nur geirrt oder drehte langsam durch. Diesen Gedanken verwarf ich jedoch schnell, und konzentriere mich seitdem lieber auf alle akustischen Reize, die ich so wahrnehme.

Wenn ich auf dem breiten Fensterbrett sitze und die drei Stockwerke hinabsehe, belausche ich Gesprächsfetzen der Passanten. Nur belanglose oder aus dem Zusammenhang gerissene Sätze. Durch das ungeöffnete Fenster.
Nachts im Bett vertreibe ich mir die Zeit bis zum Einschlafen damit, Gesprächen aus den anderen Zimmern zu lauschen. Ja, selbst von den Streitereien des Ehepaars, das unter unserer Wohnung lebt, bekomme ich beinahe jede Silbe mit. Ich höre mehr, als mir lieb ist.
Jeden Abend keifen sie sich an, ich hör die Frau manchmal weinen, und kann dann vor Hass auf diesen Mann nicht einschlafen. Ich bin ihm erst einmal im Hauseingang begegnet, doch das ist schon gut ein Jahr her, zu einer Zeit, wo mein Gehör noch nicht so sensibel war und ich ihn ahnungslos freundlich grüßte.
Die anderen hören nichts davon. Auch nicht, was er über uns sagt, nämlich mich eine Hure nennt, weil ich mit mehreren Männer zusammenwohne, oder, dass er uns drogensüchtigen und gottlosem Pack die Polizei auf dem Hals schicken sollte.
Bill interessiert es nicht besonders, doch Jack, Allen und Leute die gerade da sind, sitzen an so manchen Abenden bei mir im Zimmer und ich erzähle ihnen alles, was ich von unten mitbekomme.

Heute Nacht ist es besonders schlimm und ich bin allein. Sie schreit laut um Hilfe, ihre pure Angst hallt mir in den Ohren nach, krallt sich dort fest, und mein Herz beginnt kräftig zu hämmern. Qualvolle Minuten ringe ich mit mir, lausche weiter, springe dann entschlossen auf, zur Tür, auf den Flur und klopfe an Jacks Tür. Nichts. Ich betrete sein Zimmer, warmer süßlicher Schweißgeruch schlägt mir entgegen, ich trete im Dunklen auf eine Gürtelschnalle, sie bohrt sich kurz in meine Fußsohle und hinterlässt einen schmerzenden Abdruck. Ich habe das Bett erreicht und rüttle ihn wach.
Wie ich mir das vorstelle, und ob wir uns wirklich dort einmischen sollten, fragt er, aber ich weiß, dass sonst heute Nacht noch ein Unglück passieren wird, und ich weiß, was ich höre, noch ist es nicht zu spät. Endlich hab ich ihn überzeugt, er zieht sich an und weckt Allen.

Sie laufen die Treppe hinunter. Ich bleibe im Türrahmen stehen, während heiße Wellen der Nervosität durch meinen Körper fahren. Mit diesem Kerl ist heute nicht zu spaßen, soviel ist klar. Vielleicht ist es doch ein Fehler sich einzumischen.
Die Frau schreit erneut panisch auf und ich zucke zusammen. Ich verlasse den sicheren Türrahmen und beuge mich über das Treppengeländer, wo ich nun ein Stockwerk tiefer Jack und Allen vor der Tür stehen sehe. Sie werfen lange Schatten in der dürftigen Beleuchtung des Hausflurs. Allen klopft, und die Tür öffnet sich wie von allein, sie war scheinbar nicht einmal verschlossen, nur angelehnt. Atemlos verfolge ich, wie sie die Wohnung betreten, aus der kein Lichtschein fällt und nun auch kein Ton mehr zu hören ist.

Wir haben erfahren, dass die Wohnung bereits seit einem halben Jahr leer steht. Das irische Paar ist damals einfach ausgezogen, gemeinsam zurückgekehrt in die Heimat. Somit kann ich mich noch nicht einmal mit der Einbildung einer Geistererscheinung trösten.
Seit dieser Nacht vor zwei Wochen ist meine scheinbare Fähigkeit verstummt. Ich registriere, dass mir die anderen merkwürdige Blicke zuwerfen. Konnte ich vorher nicht einschlafen, weil ich all diese Dinge hörte, kann ich nun nicht mehr schlafen, weil ich sie einmal hörte.

© Mardou - 17/02/2002

Inspiriert durch:

"Unterdessen nahm Joan Vollmer mehr Benzedrin-Inhalationen zu sich als jeder andere ihrer Mitbewohner. Sie bekam Ausschläge am ganzen Körper, und ihr Botticelli-Teint bleichte auf erschreckende Weise aus. Zwanghaft fegte sie stundenlang mit einem Kleiderbesen durch die Wohnung. Sie hörte die Stimmen des älteren Paares in der Wohnung unter der ihren, und sie unterhielt ihre Mitbewohner, indem sie deren Gespräche mit einer so offensichtlichen Präzision wiedergab, dass das Ganze durchaus glaubwürdig war. Die Lächerlichkeit der wilden, aber nicht letztlich nicht bösartigen Wortgefechte des Paares nahm zuweilen finstere Züge an – so nannten sie Joan zum Beispiel eine Hure und ihre Freunde drogensüchtiges Gesindel. Und als Joan schließlich hörte, dass der Mann seine Frau mit einem Messer durchs Zimmer jagte, geriet sie in Panik. Ginsberg und Kerouac rannten nach unten, aber es war niemand in der Wohnung. ‚Sie war wie vor den Kopf geschlagen’, erinnert sich Ginsberg. ‚Sie sagte, na, dann muss ich wohl Stimmen hören.’"

(Steven Watson - "Die Beatgeneration" – S. 67)