23.12.06 - Samstag

STILLE NACHT


Ihr glaubt nicht, wie sehr ich mich auf dieses Wochenende gefreut habe - Weihnachten! Weder der Geschenke noch der Familie wegen, nein, steht dieses Jahr beides nicht auf dem Programm, ich freue mich auf drei entspannte Tage voller Ruhe! Gerade die letzten beiden Wochen waren hardcore: Jeden Morgen zwischen 6 und 7 Uhr aufstehen, selbst Sonntag, keinen freien Tag, von Früh bis Spät auf den Beinen, ständig drei Dinge auf einmal tun und am Reden. Reden. Reden. Dem Konsumterror an vorderster Front ausgesetzt, bombardiert von Fragen und Wünschen und panischen Blicken, umringt von Menschen im Kaufrausch, die einen am Ärmel packen, sich vordrängeln, sich ihre Geschenke einpacken lassen... Die Freizeit auf ein Minimum geschrumpft, die Energiekurve stürzte spätestens nach 19 Uhr in die Tiefe, keine Zeit zum Lesen oder Schreiben oder für andere schöne Dinge. Mehr als vier Wochen ging das Spektakel und nun ist endlich die Stille Nacht erreicht. Zieleinlauf! Jubel!
Doch es hat auch Spaß gemacht: Voller Einsatz, keine Minute Langeweile, glücklich strahlende Menschen, wenn sie das Gesuchte in den Händen hielten, und die Zeit verflog wie nüscht!

Nach einem fünfstündigen Nachmittagsschlaf bin ich nun bereit, mich voll und ganz drei Tage lang der Faulheit hinzugeben. Die Wohnung ist sauber, wir haben Nahrung und Tabak für mindestens 75 Stunden, wir müssen nicht mal das Haus verlassen, wenn wir keine Lust dazu haben.
Und ich hab endlich wieder Zeit zum Lesen!
Ein wirrer Monat diesbezüglich bisher. Mehrere Bücher angefangen, aber der Nerv zum Durchhalten fehlte bei den meisten. Das lag nicht an der Qualität der Romane, es war nur die falsche Zeit. Ich brauchte schnelle und knackige Kost, die sich in kleine Portionen einteilen lässt.
Fehl am Platz waren da z. B. "Ich warte darauf, dass etwas geschieht" von Margaret Forster, ein Tagebuch-Roman, in dem man eine Frau (um mal wieder meine niedrige Frauenliteratur-Rate aufzubessern) 70 Jahre lang begleitet oder der Mauerfall-Roman von Thomas Brussig "Wie es leuchtet". Obwohl mir beide sehr gefielen, brach ich ab. Stattdessen las ich die "Reality-Show" von Amélie Nothomb, eine kurze aber bitterböse Abrechnung mit der modern Mediengesellschaft, die für Quoten über Leichen geht, großartig und erschreckend, sehr empfehlenswert (erscheint allerdings erst im März), Kurzgeschichten aus "Eidechse" von Banana Yoshimoto (war schön, mal wieder in ihre filigrane mystische Welt einzutauchen) und nun ein Palahniuk, "Flug 2039", wie immer überraschend, verstörend und sehr lesenswert (zum Glück nicht so krass wie "Die Kolonie", die hätte ich jetzt nicht gepackt).


NEUES VON GOTT

Da war wohl wieder Rainer Zufall am Werk, als ich bei Amazon günstige gebrauchte Ausgaben von John Fante entdeckte, die mir noch in meiner Sammlung fehlten und längst vergriffen sind. Was ein echter Jammer ist! John Fante war ein Urquell, aus dem viele geschöpft haben (Buk, der einst schrieb "John Fante ist Gott", Djian, Özdogan, um nur ein paar zu nennen), und es ist eine Schande, dass zur Zeit nur ein oder zwei Romane von ihm lieferbar sind, dass ihn kaum einer kennt, dass keine schmucken Sonderbände erscheinen oder überhaupt mal ein wenig Werbung für ihn gemacht wird! (Beschließe bei dieser Gelegenheit, demnächst ein Special über ihn zu bringen)
"Unter Brüdern" und "Gemische Gefühle" liegen nun hier, nicht so gut erhalten wie versprochen, aber der Inhalt zählt schließlich. Genau die richtige Lektüre für die Feiertage, nichts für Zwischendurch. Wie ein teurer Wein, den stürzt man ja auch nicht eben mal nach Feierabend runter und stellt den Rest in den Kühlschrank.