25. August 2007 - Samstag

Es ist fünf Uhr in der Früh und acht Kilo Kater fliegen durch den Flur.
Eine gigantische Mutanten-Motte hat sich durch das Fenster Zutritt (bzw.: Zuflug) zu unserer Wohnung verschafft. Mit einer Flügelspanne von bald zehn Zentimetern! Augenmaß, klar, aber gefühlte zwanzig Zentimeter. Und laut war das Vieh! Also hab ich alle Lichter ausgemacht, bis auf das im Flur, und die Katzen gerufen. Normalerweise ist Darlene unsere Insekten-Expertin, doch in diesem Sommer hat sich Spike auf Motten spezialisiert, die scheinen ihm zu schmecken. Er war auch sofort zur Stelle und zeigte vollen Einsatz. Natürlich ist seine wenig sportliche Figur bei diesen Aktionen etwas hinderlich. Und hin und wieder brauchte er eine kurze Verschnaufpause - in der auch ausgiebig und laut geschnauft wurde, aber er war erfolgreich. Gleich mehrmals. Denn kaum war sie gefangen, kam er, um sie vor mir zu verspeisen (da wird nämlich immer gelobt), und das Biest nutze die Chance während des heiklen Maul-zu-Pfote/Boden-Transports. Und schon flogen Motte und Kater weiter wild den Flur auf und ab.
Das ganze Spiel wiederholte sich viermal, bis die Motte entgültig verloren hatte.

Und es kehrte wieder Frieden ein in Waltons Mountain.

Heute (mittlerweile ja gestern) kam ein Kunde, Mittdreißiger, in den Laden und direkt auf mich zu: "Ist er wirklich da?"
"?", dann fiel der Groschen: "Der Schrecksenmeister? Na klar!"
Strahlende Erleichterung bei meinem Gegenüber und glänzende Augen beim Blick auf das langersehnte neue Werk von Walter Moers.
"Ich hab schon das erste Drittel gelesen, bisher wieder sehr klasse! Erinnert ein bisschen an Rumo."
Wir wünschten uns zum Abschied gegenseitig viel Spaß beim Lesen.
Das sind so die Momente, wo ich meinen Beruf echt liebe!

Mittlerweile ist es draußen fast hell und die Luft ist herrlich frisch! Mein Schatz schnarcht auf der Arbeitszimmer-Couch (wo wir vorhin gemeinsam eingepennt sind) und die Miezen dösen auf dem Balkon.
Ein freies Wochenende liegt vor mir. Auf dem Plan stehen:

Lesen - Schrecksenmeister natürlich! (wieder soooo geil!!!!)
Schreiben - Mails, echt! (sorry...) Schreibprojekt (wir müssen ja auch mal zu potte kommen!)
Filme - Pans Labyrinth (neugierig)
Wochenendwohnungssäuberung  (notwendiges übel)
Kino - Harry Potter V (erwarte nettes popcornkino wie bei den anderen potters auch)
Gitarre - lerne jetzt mit anderem Buch und gleich nach Noten (wenn schon, denn schon!) (und macht noch Spaß!)
................... (jede menge zeit für spontane ideen)
SCHLAFEN! - Weiterhin ständig müde. (das nervt!) 

Die Sonne geht auf, guckt zwischen den Friedhofsbäumen am Ende der Straße hervor und wirft noch lange Schatten. Ich bin fit und setz mich jetzt auf den Balkon, Moers lesen. Guten Morgen! 



(YouTube)


 

10. August 2007 - Freitag

MÜÜÜÜÜDEEEEE!!! und schweinische Ohrwürmer
Ich glaube, ich hab zur Zeit die Schlafkrankheit. Spätestens ab 21 Uhr steigt die Wahrscheinlichkeit auf der Couch einzupennen um ca. 96,72% (die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich dann auf eben so einer befinde, ist momentan ähnlich hoch), obwohl ich da normalerweise noch einige Stunden relativ fit bin. Liegt es am Wetter? Das kann man doch immer für solche Phänomene verantwortlich machen. Im Winter schafft einen die Dunkelheit und die Kälte, im Frühling hat man die Frühjahrsmüdigkeit, im Sommer ist es zu heiß und in diesem Sommer kommen die krassen Temperaturschwankungen und die Unwetter hinzu, die auch im Herbst zu erwarten sind.
Schuld ist wohl eine Mischung aus Wetter und Arbeit: Bei uns im Laden ist die Luft weiterhin schwül und schweißtreibend und es gibt jede Menge zu tun. 
Zum Glück beschränkt sich die Müdigkeit auf den Abend. Morgens bin ich relativ ausgeschlafen, was zur Abwechslung ja auch mal ganz nett ist. Aber Nachteule bleibt Nachteule und ich will meinen langen Feierabend zurück!

Schon gleich nach dem Aufstehen fing es an und setzte sich den ganzen Vormittag fort. Summend, singend, pfeifend...

(YouTube)

Einer von der herrlich blöden Sorte, der Laune macht, aber dennoch irgendwann nervte. Zumal ich mich mehrmals im Laden zwischen den Kunden summend ertappte. Das mit dem (immerhin leisen) Singen und Pfeifen fand nur in den Privaträumen und dem Wareneingang statt. Hoffentlich.

Spiderpig, Spiderpig...


 

05. August 2007 - Sonntag

Kleine sentimentale Erinnerung an die folgenschwere Begegnung mit einem französischen Dominostein
Es gibt ein paar wenige Bücher, von denen ich ehrlich behaupten kann, sie hätten mein Leben verändert. So wie das auch mit Musik und Filmen passieren kann, die etwas in einem auslösen, die einem das Gefühl geben, etwas Besonderes für sich entdeckt zu haben, was einen lange begleiten wird und häufig, wie durch Kettenreaktionen, an Orte oder zu Menschen bringt, zu denen man ohne so eine schicksalhafte Begegnung wohl nicht gekommen wäre.
Und man erinnert sich, meistens, noch sehr genau an diese Tage:

Anfang November 1998. Ich hatte gerade eine heftige Erkältung hinter mir und die Wohnung einige Tage nicht verlassen. Nun musste ich raus, da mein Vater am nächsten Tag Geburtstag und ich noch kein Geschenk hatte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich besorgen wollte, nur, dass ich dafür zu Karstadt am Leo (-poldplatz im Wedding) musste. Das hieß entweder mit Bus und U-Bahn eine halbe Stunde oder mit einem anderen Bus von Tür zu Tür eine Dreiviertelstunde fahren. Mein innerer Schweinehund entschied sich für die zweite Variante, die war zwar länger aber entspannter.
Draußen erwartete mich erstaunlich schönes Wetter für November, die Sonne schien, der Himmel war strahlend blau und ein warmes Lüftchen wehte mir ins Gesicht. Ich trabte guter Dinge zur Bushaltestelle, ich freute mich auf den kleinen Ausflug, ich hatte wahrscheinlich zur Feier meiner Wiederauferstehung vorher ein paar Züge geraucht.
Bis vor einem Jahr hatte ich mal eine Weile hier gewohnt, im wilden Wedding, und ich wusste die gutsortierte Buchabteilung bei Karstadt damals sehr zu schätzen. Im Wedding gab es nur wenige Buchhandlungen. Nachdem ich das Geschenk besorgt hatte, tigerte ich zwischen den Büchern umher, auf der Suche nach "Betty Blue" von einem Franzosen namens Philippe Djian. Es war mir wärmstens empfohlen worden. Diesen Djian entdeckte ich auch endlich in einem extra Diogenes Regal; nur weiße Buchrücken, lauter anspruchsvolle Namen darauf, das sah schon beeindruckend und schick aus (heute hab ich meine eigene kleine Diogenes-Ecke zu Haus), mir war ganz kribbelig. Nur keine "Betty Blue". Dafür "Erogene Zone" und "Mörder" (glaube ich).
"Niemand kann eine Frau lieben und gleichzeitig einen Roman schreiben. Soll heißen: einen wirklichen Roman schreiben, eine Frau wirklich lieben. Philippe Djian hat es versucht. Und ist um ein paar Illusionen ärmer geworden. Dafür ist er einem leicht perversem, ziemlich intelligenten Mädchen begegnet. Er hat (wenig) gegessen. Er hat (viel, vor allem Bier) getrunken. Sich Joints gedreht. Musik gehört. Gelesen und gelesen. Er hat Blut und Wasser geschwitzt. Er hat den Kopf zwischen den Händen vergraben, unter einem Kopfkissen, und in heller Verzweiflung zwischen den Beinen junger rätselhafter Frauen. Er ist dem Geld nachgerannt, den Frauen, den Wörtern. Er hat sein Bestes gegeben. Er hat ein Buch geschrieben. Ungekünstelt, unprätentiös hat er das Unbeschreibliche beschrieben. Das Leben. In all seiner Derbheit, Schlichtheit und Hoffnungslosigkeit. Einfach großartig."
Ich glaube, "Mörder" habe ich gar nicht erst in die Hände genommen. Dieser Klappentext war zu vielversprechend, einen noch verheißungsvolleren konnte ich mir gar nicht vorstellen.
Wieder im Bus begann ich sofort zu lesen, ich saß oben in einem gelben Doppeldecker (damals waren die Busse noch nicht so mit Werbung vollgekleistert) und die Sonne schien mir warm auf Schulter und Kopf. Erst auf Höhe der Rehberge machte ich eine atemlose Pause und sah auf. Ich war total von den Socken, schon nach wenigen Sätzen wusste ich, dass dieses Buch ein weiterer Meilenstein für mich sein würde, etwas ganz Besonders war. Es war, als hätte ich endlich gefunden, wonach ich lange gesucht hatte, ich hatte noch nie etwas Vergleichbares gelesen (zuletzt hatte ich so ein Gefühl bei "Engel, Kif und neue Länder" von Kerouac gehabt, den ich einige Monate vorher entdeckt hatte), ich fühlte mich wie frisch verliebt.
Doch im selben Maß, wie meine Erregung wuchs, verschwand meine Energie. Das war wohl alles zu viel für den ersten Tag an der frischen Luft, mich überkam diese Todesmüdigkeit, wo gar nichts mehr geht, wo der Akku entgültig alle ist, wo die Augenlider tonnenschwer werden und man das Gefühl hat, gleich ins Koma zu fallen. Schweren Herzens verstaute ich dieses unglaubliche Taschenbuch im Rucksack und konzentrierte mich darauf, wach zu bleiben, fieberte dem Aussteigen entgegen. Die fünf Minuten von der Haltestelle bis in die Wohnung kamen mir wie eine halbstündige Wanderung durch Zuckersand vor. Ewig, mühselig, kräftezehrend. Ich hatte das Gefühl, noch nie so müde gewesen zu sein, und ich weiß nicht, ob ich das nüchtern in der Heftigkeit noch mal erlebt habe: Tür aufgeschlossen, auf dem Weg zum Bett ausgezogen, die Klamotten einfach unterwegs fallen gelassen. Innerlich ein breites Grinsen, denn ich freute mich schon diebisch darauf, mir ausgeschlafen diesen Djian wieder vorzunehmen. Durch die offene Balkontür hörte ich drüben auf der anderen Seite die Kinder auf dem Schulhof, die Sonne stand noch hoch am hellblauen Himmel und ich kuschelte mich nackt und glücklich in die kühle Bettdecke, nichts hätte sich richtiger angefühlt an diesem Tag, und schlief die folgenden Stunden wie ein Stein.
Schon mit der Entdeckung der Beats ein paar Monate vorher war der Wunsch zu schreiben in mir gezündelt, doch nun brannte er lichterloh! Diese Stimmung, diese Melodie in den Sätzen, diese Wortwahl, diese Bilder!
So wollte ich auch schreiben können.


Genau das dachte ich übrigens auch, als ich das erste Mal diese Szene bei "Velvet Goldmine" sah, SO müsste man schreiben können...


(YouTube)

Doch zurück zu Djian. Ich tat damals wirklich gut daran, nicht zu "Mörder" zu greifen. Spätestens ab "Rückgrat" hat er sich in eine Richtung entwickelt, die mir nicht gefällt. Obwohl, "Matador" ging auch noch.
"Erogene Zone" und "Verraten und verkauft" sind mir besonders ans Herz gewachsen, sie sind wie alte treue Freunde, die mich nun schon seit Jahren begleiten, durch schöne und schwierige Zeiten, an angenehme und unangenehme Orte, auf Reisen, zu Ausflügen. Wohin ich die nicht schon überall mitgeschleppt habe!
Ich kann sie einfach mittendrin aufschlagen und loslesen. Und schon schwappt mir dieses intensive Djian-Lebensgefühl entgegen und alles fühlt sich etwas leichter und interessanter an.
Nur noch sechs Monate... (dann!)