Langsam kommt Leben in die Bude, es füllt sich, es wird gerückt und verschoben, alles erhält einen vorläufigen Platz. Bestens, weiter geht's!

Durch die monatlichen Leseberichte, wisst Ihr ja immer über den aktuellen Lesestoff Bescheid, darum gibt es heute mal ein kleines
Clive Barker-Special. Im Sommer hab ich ihn wiederentdeckt, nach bestimmt 10 Jahren Pause, und zwar mit "Coldheart Canyon" und "Abarat". Nun wird es Zeit nachzuholen, was ich alles verpasst habe, "Spiel des Verderbens", ist schon bestellt.

Ladys and Gentlemen, hier folgt nun das 


Clive Barker, am 5.10.1952 in Liverpool geboren, ist neben
Stephen King und Dean R. Koontz einer der ganz Großen des Horror & Fantasy-Genres. Nur geht er immer einen kleinen Schritt weiter, als seine Kollegen, ist experimenteller, erotischer, düsterer. Quentin Tarantino formulierte es so: "Clive Barker einen Horrorautor zu nennen ist so, wie die Beatles als Garagenband zu bezeichnen. Mit seiner Kreativität und der Bereitschaft, die entferntesten Regionen des menschlichen Verstandes zu erkunden, kann er mit allem Recht als Künstler gelten."
Und Barker schreibt nicht nur, er macht Filme (als Schauspieler, Regisseur und Produzent), malt, zeichnet Comics, entwirft und gestaltet Computerspiele mit. Einige seiner Bilder, die zum Teil an den Stil von
HR Giger erinnern, kann man hier bewundern.
Am bekanntesten dürfte er für seine
"Hellraiser"-Verfilmung sein, die nach einer seiner Kurzgeschichten entstand und bei der er selbst Regie führte (mit den Fortsetzungen hatte er wenig oder nichts zu tun), wie auch bei "Lord of Illusions" oder "Cabal - Brut der Nacht".

Meine erste Begegnung mit Clive Barker hatte ich Mitte der 90er. Ich schlich wie magisch angezogen um
"Imagica" herum, ein sehr dickes Taschenbuch mit über 1000 Seiten und einem ansprechendem Cover, bis ich es mir endlich kaufte und verschlang. Erinnerungen an den genauen Inhalt sind mit den Jahren verblasst, nur einige kleine verschwommene Szenen haben die Zeit überlebt, also bediene ich mich des Klappentextes: "Drei Menschen brechen zu einer abenteuerlichen Odyssee durch die Welten des Universums auf: John Furie Zacharias, ein Meisterfälscher, dessen Leben nur aus Lügen zu bestehen scheint; Judith Odell, eine verführerische schöne Frau, die keinem Mann angehören will; und Pie, ein geheimnisvoller Mörder, der mit der Liebe ebenso handelt wie mit dem Tod. Drei Menschen auf der Suche nach Imagica, einem universalen Mysterium, so rätselhaft wie das Antlitz Gottes, so verborgen wie die menschliche Seele. Imagica besteht aus fünf Dominions, vier davon in Frieden vereint, das fünfte - die Erde - getrennt von ihnen. Seine Bewohner leben in Unwissenheit am Rande des Meeres der Möglichkeiten, einem Ozean der Mysterien und der Magie. Nur wenige Eingeweihte kennen das Geheimnis des magischen Reiches Imagica. Sie müssen einen verzweifelten Kampf gegen jene dunklen Mächte bestehen, die sich dem heraufdämmernden Zeitalter der Versöhnung entgegenstellen. Die Suche nach der Wahrheit führt Furie, Judith und Pie durch alle fünf Dominions - bis an die Grenzen des allergrößten Mysteriums."
(ISBN: 3453082060)
Das war einer der schönen Momente, wo man das Gefühl hat, vom Buch gefunden worden zu sein und nicht umgekehrt. Ich las danach alles von Barker, was ich in die Hände bekam: Die
"Buch des Blutes"-Reihe, "Jenseits des Bösen", "Stadt des Bösen" und "Gyre".
Parallel dazu die Horror-Fantasy-Romane von
Dan Simmons, John Saul und Dean R. Koontz. Und natürlich King, der als einziger ohne Pause bis heute überlebte, denn ansonsten war ich erst mal für ein paar Jahre gesättigt von dem Genre. 
Erwähnenswert ist hier übrigens
"Die Anbetung" von Koontz, eine seiner letzten Veröffentlichungen und ein wirklich großartiger Roman über einen jungen Mann, der in einer Wüstenstadt lebt und eine ungewöhnliche Gabe hat: Er kann Tote sehen und mit ihnen reden. Als ein unheimlicher Fremder in dem Städtchen auftaucht, ahnt er, dass etwas Schreckliches passieren wird und ein Wettlauf mit der Zeit beginnt... Ein sehr lesenswerter Mystery-Thriller von der ersten bis zur letzten Seite!

"Abarat" war nun mein erster Barker nach dieser langen Zeit und zugleich der erste Teil seiner ersten Jugendbuch-Reihe, die einmal fünf Romane umfassen soll. Bisher gab es nur die Luxus-Ausgabe für 68€
(ISBN: 3453000927) , seit Juli endlich die günstige Taschenbuchausgabe für 9,95€ (ISBN: 3453532252). Interessant ist, dass das Buch zahlreiche Illustrationen enthält, die ausschließlich von Barker selbst gemalt sind. Daher ist die gebundene Ausgabe auch so teuer, denn dort sind sie farbig und auf hochqualitativem Papier gedruckt (soweit ich weiß auch zahlreicher). Für ein Jugendbuch recht ungewöhnlich. Doch es ist ja kein normales Jugendbuch. Obwohl sehr viel sanfter (und natürlich ohne Sexszenen) ist es dennoch nichts für Kinder oder sehr sensible Teens, denn Barker ist seinem Stil treu geblieben; es gibt einige recht skurrile Wesen und Orte, feinen schwarzen Humor, die Handlung ist sehr spannend, intelligent und "gruselig". Worum es geht?
Candy hat es nicht leicht, sie lebt in Chickentown, Minnesota, der langweiligsten Stadt des Landes, in einem Wohnwagen, ihr Vater trinkt und ihre Mutter hat resigniert. Nach einem Streit mit ihrer Lehrerin, die ihre Hausaufgabe als Quatsch abtut und sie zum Direktor schickt, haut sie einfach ab. Auf einer Wiese am Rande der Stadt entdeckt sie plötzlich einen alten Leuchtturm, den sie noch nie gesehen hat und der mitten im Grünen auch wenig Sinn macht. Schon begegnet sie den ersten Bewohnern von Abarat, einer parallelen Welt, in die sie mit ihrem neuen Freund John Mischief (= Schabernack) flieht, während das Böse ihnen dicht auf den Fersen ist. Und jetzt geht das Abenteuer erst richtig los!
Eine tolle Fantasy-Geschichte für alle Abenteuerlustigen ab 14 Jahren, die es gern etwas düsterer haben, denn auch für Ausgewachsene ist sie ein wahrer Lesegenuss! 
Der zweite Teil,
"Abarat - Tage der Wunder, Nächte des Zorns", ist zwar schon erschienen, aber bisher ebenfalls nur in der teuren Luxusausgabe erhältlich (ISBN: 3453001273).
Übrigens ist eine baldige Verfilmung geplant, die zuerst Disney übernehmen wollte, doch glücklicher Weise kam es wieder mal ganz anders und nun wird Barker sich höchstpersönlich der Sache annehmen!

Auf den Geschmack gekommen, folgte der Kauf von
"Coldheart Canyon" (ISBN: 3453879597), wieder ein richtig dicker Schinken, der es in sich hat:
Der Hollywood-Star Todd Pickett lässt sich zu einer Schönheitsoperation überreden. Leider gibt es ein paar unschöne Komplikationen und er muss eine Weile untertauchen. Er findet Unterschlupf an einem längst vergessenen Ort in L.A., dem Coldheart Canyon. Das große Anwesen gehörte einst einer Film-Diva, die für ihr ausschweifendes Leben bekannt war und in deren Keller sich ein Zugang zur Hölle befindet.
Gleichzeitig macht sich Tammy, die Präsidentin seines Fanclubs, auf die Suche, doch bevor sie ihn findet, begegnet sie einigen Wesen, die im Coldheart Canyon keine Ruhe finden.
Aus der geplanten kurzen Satire auf Hollywood wurde ein grandioses Stück Horrorliteratur, mit einer dichten, hypnotisch-schwülen und düsteren Atmosphäre, wie an einem heißen Sommernachmittag kurz vor einem Unwetter. Es geht um Schönheit und Ruhm, Lust und Sex, Maßlosigkeit und Vergänglichkeit. 
Wirklich ein Leckerbissen für jeden Liebhaber des Genres!

Der charismatische Künstler lebt mit seinem Mann, David Armstrong, der gemeinsam adoptierten Tochter und einigen Tieren in Los Angeles. 
In einem Interview sagte er einmal:
"Ich möchte, dass die Leute meine Arbeit entweder hassen oder lieben. Ich will, dass sie erregt sind oder ärgerlich. Ich will jede Form der Reaktion außer Gleichgültigkeit."
Also wagt Euch in die verstörende und grenzenlose Welt von Clive Barker, es könnte eine unvergessliche Reise werden!

Wessen Neugier noch nicht gestillt ist, dem sei der Besuch bei Wiki und That's Clive empfohlen.  

10.10.06